Beide Sakralräume wurden als Gemeindezentren für stark expandierende
Siedlungsgebiete gebaut: der eine im Vorkloster und der andere im
Weidach. Damals war Bevölkerungszuwachs mit Katholikenzuwachs
gleichzusetzen.
Die Zeiten haben sich geändert. Gesellschaft und Kirche
sind einem stetigen Wandel unterworfen, den sie gestalten müssen und
dürfen. Stünde die Neuerrichtung der beiden Gotteshäuser heute an, würden
wohl im Vorkloster und im Weidach wieder die Kirchenbau-Bagger
auffahren?
Ich meine wohl eher nicht. Braucht die Stadt Bregenz diese
beiden Kirchen? Meine Antwort: ein ganz und gar uneingeschränktes Ja!
Wie komme ich zu diesem Ja? Ganz abgesehen vom enormen Wert des jeweiligen Pfarrlebens möchte
ich meinen Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung von Kirchenräumen richten.
Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky beschreibt ganz allgemein
den Kirchenraum als einen fremden Raum, den der Mensch aufsucht
weil er verschieden ist von seinen alltäglichen Orten. Der Mensch kann
sich nicht erkennen und innerlich wachsen, wenn er sich nur in Räumen
und Atmosphären aufhält, die durch ihn selbst geprägt sind, die ihm
allzu sehr gleichen und die ihn wiederholen. Der Mensch muss auch in
die Fremde.
Sakralräume sind solche Aufenthaltsorte der Fremde, die
dem Menschen eine heilsame Andersheit bieten.
Wer durch Bregenz geht und die Pfarrkirchen aufsucht, dem begegnen
solche Gegenorte („Heterotopien“ = reale Orte, die sich von allen anderen Räumen unterscheiden):
- die Pfarrkirche St. Gallus mit ihrer barocken Weite und ihren tief in
die Stadtgeschichte hineinreichenden Ursprüngen,
- die Pfarrkirche St. Wendelin auf der Fluh, die durch Patrozinium und
Gestaltung den freundlichen Charakter eines ländlichen Gotteshauses
vermittelt,
- die großstädtisch anmutende Pfarrkirche Herz Jesu mit ihrer markanten, in die Höhe führenden neugotischen Architektur und dem phantastischen Farbenspiel der Glasfenster von Martin Häusle,
- die Pfarrkirche Mariahilf, die trotz entbehrungsreicher Erbauungszeit
mit Clemens Holzmeister einen der innovativsten Kirchenbauarchitekten nach Bregenz führte, dessen Raumkonzept des Zusammenführens und Bergens bis heute besticht,
- die Pfarrkirche St. Gebhard, deren funktionale Klarheit ergänzt wurde
durch eine beachtliche Anzahl religiöser Werke führender, zeitgenössischer Künstler (Hubert Berchtold, Emil Gehrer, Fritz Krcal und
Leopold Fetz).
Und schließlich die nur fünf Jahre später, aber stilistisch ganz anders
errichtete
- Pfarrkirche St. Kolumban, deren ausgeprägte Symbolarchitektur für
Bregenz bis heute ein Solitär geblieben ist und durch die ausgeprägt
meditative Lichtstimmung im Kirchenraum dem einzelnen Besucher
ein Gefühl von Geborgenheit im großen Ganzen vermitteln kann.
Diese beachtliche Fülle an so verschiedenartigen sakralen Orten (zu
denen auch die Kapellen und die religiösen Versammlungsräume anderer Konfessionen und Religionen zu zählen sind) fasziniert und weist
weit über den kirchlichen Eigennutzen als liturgischer Versammlungsraum hinaus.
Dietmar Mieth, einer der renommiertesten deutschen Ethiker, hat
darauf hingewiesen, dass ästhetische Erfahrungen immer auch ethische
Erfahrungen sind.
Wo der Mensch Schönheit erfährt, wächst oft auch
die Fähigkeit zur Achtsamkeit. Kirchenräume können daher Schulen des
Sehens werden. Sie können uns lehren, genauer hinzuschauen – auf die
Welt, auf andere Menschen und auf uns selbst. In einer Zeit, in der vieles
nur noch nach Kosten und Nutzen bewertet wird, erinnern Kirchen
daran, dass nicht alles verrechnet und digitalisiert werden kann.
Schönheit hat einen Eigenwert. Stille hat einen Eigenwert. Gebet hat einen
Eigenwert. Jeder Mensch hat einen Eigenwert. Im letzten ist alles Gnade
und Geschenk – von Gott.
Viele Menschen suchen unsere Gotteshäuser auf, manche zur Feier der
Liturgie, andere um eine Kerze anzuzünden oder um durchzuatmen
oder um Kunst und Kultur zu erleben oder…
In diesen vielen, ganz individuellen, oft auch lebensgeschichtlich geprägten „Oders“ liegt vielleicht der eigentliche Schatz, oder biblisch
gesprochen das „Pfund“ (Vgl. Lk 19,11-27).
Besitzrechtlich gehören Sakralstätten den jeweiligen Glaubensgemeinschaften, aber eigentlich sind es öffentliche, konsumfreie Räume, die die
Gedanken und den Geist öffnen können über das Alltägliche und
Begrenzte hinaus. Ja, eigentlich müsste man St. Gebhard und St. Kolumban auch heute wieder bauen.
Ad multos annos!
MMag. Othmar Lässer, Diözesankonservator