
Ende des vergangenen Jahres durfte ich bei einer Priesterweihe dabei sein. Viele von euch kennen Christopher als Diakon hier in Bregenz. Die Feier fand in Indien statt, in einer Kirche, die bunt, lebendig und voller Ausdruckskraft ist. Und doch war es nicht so sehr der Ort, der berührt hat, sondern das, was dort sichtbar wurde: Ein junger Mensch hat sein Leben Gott anvertraut und sich in den Dienst der Menschen gestellt.
In einer dichten Liturgie, getragen von Gebet, Gesang und großer innerer Sammlung, wurde spürbar: Hier geschieht etwas, das größer ist als ein einzelner Mensch.
Solche Momente lassen aufhorchen. Sie werfen die Frage auf, was heute noch einen jungen Mann bewegt, den Weg als Priester zu gehen – in einer Zeit, in der vieles offen ist, Sicherheiten brüchiger werden und kirchliche Wege nicht mehr selbstverständlich erscheinen.
Vielleicht ist es gerade diese Offenheit, in der Berufung neu wachsen kann. Nicht als fertiger Plan, sondern als Antwort auf eine Sehnsucht, die viele junge Menschen kennen: dem eigenen Leben Tiefe zu geben, sich einzusetzen für andere und nicht nur für sich selbst zu leben.
Berufung bedeutet dabei nicht Rückzug aus der Welt, sondern ein bewusstes Hineingehen in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Es geht darum, die Frohe Botschaft nicht nur zu kennen, sondern sie konkret werden zu lassen: im Zuhören, im Begleiten, im Aushalten von Fragen und im gemeinsamen Suchen nach Hoffnung.
Junge Menschen machen sich auch heute auf den Weg, um Verantwortung zu übernehmen, um Glauben weiterzutragen und um etwas Sinnvolles mit ihrem Leben zu tun. Oft beginnt dieser Weg unscheinbar, manchmal sogar zögerlich, und wächst Schritt für Schritt.
Bei der Weihe wurde mir neu bewusst, dass Berufung selten laut daherkommt. Sie wächst im Hören auf Gottes Stimme, im Vertrauen, dass dieser Ruf trägt, und im Mitgehen von Menschen, die ermutigen. Berufung braucht Zeit, Reifung und Begleitung. Sie entsteht dort, wo jemand spürt: Mein Leben ist gemeint. Ich werde gebraucht. Mein Einsatz macht einen Unterschied.
Als ich selbst im Jahr 2016 zum Priester geweiht wurde, war mir eines besonders wichtig: unter den Menschen zu sein. Menschen in den Höhen und Tiefen ihres Lebens zu begleiten, an ihrer Freude teilzuhaben und sie in schweren Momenten nicht allein zu lassen. Ich wollte die Frohe Botschaft von einem Gott verkündigen, der liebt und barmherzig ist
– nicht nur mit Worten, sondern mit meinem Leben. In den vergangenen zehn Jahren durfte ich viele berührende, stärkende und auch herausfordernde Momente erleben. Heute kann ich sagen: Ich fühle mich reich beschenkt.
Als Priester erlebe ich, dass dieser Dienst Sinn trägt. Er ist nicht immer einfach, manchmal herausfordernd und fordernd. Und doch erfüllt er mit einer tiefen Freude. Wenn Menschen in schwierigen Lebenssituationen nicht allein bleiben.
Wenn Worte des Glaubens trösten und stärken. Wenn Sakramente als Kraftquelle erfahren werden. Wenn sich zeigt, dass Gott mitten im Leben gegenwärtig ist, auch dort, wo vieles fragil bleibt. Priestersein heißt nicht, alles zu wissen oder alles zu können, sondern sich zur Verfügung zu stellen – mit dem, was man ist.
Dabei ist mir ein Gedanke besonders wichtig, der über diesen konkreten Anlass hinausweist: Berufungen wachsen aus Gemeinden. Aus einer Kirche, die Raum gibt. Aus Gemeinschaften, in denen junge Menschen willkommen sind, ernst genommen werden und Glauben als etwas Lebendiges erfahren dürfen. Dort, wo Fragen erlaubt sind und Suche nicht misstrauisch beäugt wird. Dort, wo Vertrauen geschenkt und Verantwortung zugetraut wird. Und dort, wo Gott zugetraut wird, auch heute zu wirken und zu rufen.
Kirche hat Zukunft, wenn sie diesen Raum offen hält. Wenn sie junge Menschen nicht vorschnell festlegt, sondern begleitet. Wenn sie ermutigt, statt zu entmutigen und wenn sie darauf vertraut, dass Gott selbst der Handelnde ist. Berufung ist letztlich kein kirchliches Projekt, sondern ein geistlicher Weg, der mitten im Leben beginnt.
Vielleicht liegt genau darin unser gemeinsamer Auftrag als Kirche: aufmerksam zu bleiben für das, was Gott in Menschen weckt. Offen zu sein für neue Wege. Junge Menschen zu begleiten, im Gebet und im Alltag. Hoffnung zu teilen und Vertrauen zu schenken. Dann kann Berufung wachsen – leise, unscheinbar und doch kraftvoll.
Lic. psych. Mathias Bitsche, Moderator Seelsorgeregion Vorderland, Bischöflicher Beauftragter für Ausbildung und Berufseinführung der Diözese Feldkirch.