
In der Mitte der 1940er-Jahre prägte der österreichisch-ungarische Wirtschaftssoziologe den Begriff der „großen Transformation“ („The Great Transformation“) und beschrieb damit den tiefgreifenden Wandel der westlichen Gesellschaftsordnung im 19. und 20. Jahrhundert.
Gegenwärtig wird er auch verwendet, um die notwendige weltweite Transformation in Richtung einer klimaverträglichen Gesellschaft zu beschreiben.
Ich glaube, es ist keine Überschätzung der Tragweite, wenn wir in analoger Form den von Papst Franziskus ins Leben gerufenen Synodalen Prozess als eine „große Transformation“ der Katholischen Kirche verstehen. Immerhin geht es um einen tiefgreifenden Kulturwandel.
In einem jüngst erschienenen Artikel schreiben mein Wiener Kollege Markus Beranek und die Organisationsberaterin Franziska Fink: „Weltkirchlich bedeutet Synodalität einen fundamentalen Wandel: Statt, dass nur die Hierarchie entscheidet, sollen alle Getauften – von Laien (also Getaufte, denen aber nicht durch die Weihe ein Amt übertragen wurde) über Ordensleute bis zu Bischöfen – gemeinsam den Weg der Kirche mitgestalten.“
Die Mitverantwortung und Mitgestaltung aller Getauften ist damit eine entscheidende Dimension von Synodalität. Notwendig ist dieser Kulturwandel, weil in einer komplexer werdenden Welt mit vielfältigen Herausforderungen unterschiedliche Perspektiven erforderlich sind, um zu wirklich tragfähigen Lösungen zu gelangen. Gelungene partizipative Entscheidungsprozesse können dabei helfen, Lösungen zu finden, die mehr sind als Kompromisse, die über das hinausgehen, was die einzelnen Beteiligten zuvor gedacht haben und die aufgrund der breiten Akzeptanz auch wirksam umgesetzt werden können.
Damit ist Synodalität auch eine heilsame Gegenbewegung zu jenen Polarisierungs- und Spaltungstendenzen, die wir heute vielerorts in unseren Gesellschaften beobachten und die durch narzisstisch-autokratische politische „Leader“ vorangetrieben und verschärft werden. Vielleicht kann die Kirche gerade dadurch einen entscheidenden Beitrag für unsere fragmentierte Welt leisten.
Nicht nur vor diesem Hintergrund war Papst Franziskus überzeugt, dass Synodalität die Aufgabe der Kirche im 3. Jahrtausend ist, wenn sie heute in der Spur Jesu gehen will. Es geht darum, gemeinsam unterwegs zu sein, Vielfalt und Beteiligung zu erhöhen und als Reichtum wertzuschätzen, gut zuzuhören, zu unterscheiden, welcher „Geist“ in verschiedenen Handlungsoptionen wirksam ist, auf dieser Basis gemeinsam gut zu entscheiden und so synodale Haltungen und Stile einzuüben.
Papst Leo hat von seiner ersten Ansprache am Petersplatz an deutlich gemacht, dass er diesen Weg weitergehen will: „Wir wollen eine synodale Kirche sein, eine Kirche auf dem Weg, eine Kirche, die immer den Frieden sucht, die immer die Barmherzigkeit sucht, die immer besonders denjenigen nahe sein will, die leiden.“
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Und was bedeutet das für die Kirche in Vorarlberg? Und ganz konkret: für uns in Bregenz? Die erste Frage beschäftigt in diesen Tagen das 13-köpfige diözesane Synodenteam, das im November 2025 gegründet wurde.
Aus unterschiedlichen Perspektiven stellt es sich die Frage, welche Schritte konkret gesetzt werden sollen, um die synodale Kultur eines wertschätzenden, auch geistlich fundierten Miteinanders auf Augenhöhe in allen Bereichen zu stärken, sodass es spürbar unsere tägliche Arbeit prägt – in den Pfarrgemeinden und in allen Institutionen der Diözese.
Bereits entschieden ist, dass es ein Angebot für Priester, Ordensleute, Hauptamtliche und interessierte Ehrenamtliche geben wird, sich zu synodalen Prozessbegleiter:innen und Moderator:innen ausbilden zu lassen. Deren Aufgabe wird es sein, die Pfarren, Gemeinden und Regionen dabei zu unterstützen, das synodale Miteinander vor Ort zu stärken und so miteinander herauszufinden, wie und wohin Gott sie heute führen will. Ein wesentliches „Werkzeug“ dafür ist das Synodale Gespräch.
Es bildet die Grundlage gemeinsamer geistlicher Unterscheidungs- und Entscheidungsprozesse – insbesondere, wenn es um gewichtige, langfristige und weitreichende Fragen geht. Phasen der Stille, der persönlichen Ausrichtung, des Gebets und eine klare Struktur ermöglichen mehr „Tiefgang“ als die im Alltag üblichen Formen gemeinsamen Entscheidens, die oft auf Mehrheitsentscheiden oder mehr oder weniger offenen Machtdynamiken basieren.
Vielleicht habe ich Ihnen ja Lust gemacht, einmal ein „Synodales Gespräch“ zu einer wichtigen Frage auszuprobieren. Und vielleicht geht es Ihnen dann wie mir und vielen anderen, die die Erfahrung machen durften: „Das schmeckt nach Zukunft.“
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