
Im Vorfeld des Konklaves, das am 7. Mai 2025 begann, hieß es, dass es endlich wieder einmal einen italienischen Papst geben sollte. Albino Luciani, der 33-Tage-Papst, war der letzte (1978).
Es kursierten die Namen von Pietro Parolin, Matteo Zuppi und Pierbattista Pizzaballa. Aber auch von dem Filipino Luis Antonio Tagle oder von Jean-Marc Aveline (Marseille)– und anderen – war die Rede. Einmal mehr bewahrheitete sich: Wer als Papst ins Konklave einzieht, kommt als Kardinal heraus.
Mit dem schon im vierten Wahlgang am 8. Mai gewählten Amerikaner Robert Francis Prevost, der dem Augustinerorden angehört, hatten die allerwenigsten gerechnet. Er nahm, wie 107 weitere von 133 Kardinälen, zum ersten Mal an einer Papstwahl teil. Ein Amerikaner – das schien denkunmöglich. Aber das hieß es auch 2013, als zum ersten Mal ein Argentinier, Jorge Mario Bergoglio (noch dazu Jesuit), gewählt wurde.
Prevost hatte in Rom einen Spitznamen „Latin Yankee“: Amerikaner zwar, aber mehr als zwei Jahrzehnte in Lateinamerika tätig. Der neue Papst nannte sich Leo XIV. Im Januar 2023 von Franziskus zum Erzbischof ernannt, begann er im April im Vatikan als Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe – eine Schlüsselstelle – und wurde wenige Monate später ins Kardinalskollegium aufgenommen. Prevost, 1955 (wie Barack Obama) in Chicago geboren, wurde nach Studien der Mathematik und Philosophie 1977 Augustiner und studierte am Catholic Theological Union in Chicago Theologie.
Von 1982 bis 1985 kam er erstmals nach Rom: für ein Doktoratsstudium in Kirchenrecht. Dort wurde er 1982 auch zum Priester geweiht. 1985/86 arbeitete er in einer Augustinermission in Chulucanas (Peru), schloss dann sein Studium ab (1987) und kehrte als Berufungs- und Missionsdirektor seines Ordens nach Illinois (USA) zurück. Elf Jahre lang, von 1988 bis 1999, war er in Trujillo (Peru) Prior und Ausbildungsleiter seines Ordens, arbeitete am Kirchengericht der Erzdiözese und als Professor am Priesterseminar.
Nebenher half er in einer Pfarrei aus. 1999 bis 2001 Provinzoberer der Augustiner in Chicago, wurde er dann zum Generalprior seines Ordens gewählt – und kam damit wieder nach Rom, nach seiner Wiederwahl wurden es diesmal zwölf Jahre. Über die Hälfte des Jahres war er unterwegs. Leo XIV. dürfte der erste Papst der Neuzeit sein, der vor seiner Wahl alle fünf Kontinente bereist hat. 2013/14 Ausbildungsleiter in Chicago, begann 2014 die zweite längere Phase im Andenstaat Peru: zuerst als Apostolischer Administrator (2014), dann als Bischof von Chiclayo (2015 bis 2023). Leo XIV. brachte viel pastorale und Leitungserfahrung in sein neues Amt ein.
Franziskus hätte 2023 eine Rochade im Vatikan vornehmen können. Aber er holte einen Bischof von weither, um die Kurie neu zu beleben. Das war der Grundstein dafür, dass aus Bischof Prevost der Kardinal wurde – und damit später die Möglichkeit, in ein Konklave zu kommen. Als Präfekt hat Prevost 2023/24 an beiden Sessionen der Weltsynode teilgenommen. Er kennt also die weltweit virulenten „heißen Eisen“ der Kirche. Was in Österreich Thema ist, kann in Thailand oder Tansania ganz anders ausschauen. Die katholische Kirche ist zwar der älteste Global Player, aber auch eine universale Kirche mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Wie wird Leo mit Spannungen umgehen? Franziskus war ein Wirbelwind, ein agent provocateur, der viele Dinge auf den Weg brachte, aber sie selten verstetigte. Leo ist ein ruhiger Typ. Manchmal wirkt er schüchtern. Spontane Aktionen sind nicht zu erwarten. Es ist „ein Pontifikat der leisen Töne“ und „der ruhigen Hand“. Manche fragen deswegen: „Wann liefert dieser Papst endlich?“ Bisher ist er in die Türkei mit neinem Abstecher nach İznik, wo (seinerzeit Nizäa) vor 1700 Jahren das erste Konzil stattfand, und in den Libanon (November 2025) gereist, für einen Tagesbesuch nach Monaco (März 2026) und im April 2026 für zehn Tage nach Algerien, Angola, Kamerun, Angola und Äquitorialguinea. Immerhin: Die menschenverachtende Kriegsrhetorik von Donald Trump, der androhte, Iran „in die Steinzeit zurückzubomben“, hat Leo als „inakzeptabel“ bezeichnet.
Im Oktober 2025 wurde „Dilexi te“ veröffentlicht, ein Schreiben über die Liebe zu den Armen, großteils von Franziskus übernommen. Beim Thema Armut wie auch bei Synodalität – im Januar gab es ein Konsistorium mit Kardinälen (Leo ließ sie unter vier Themen frei auswählen, worüber sie beraten wollten), im Juni folgt ein zweites – steht er in den Fußstapfen seines Vorgängers. Der Stil ist völlig anders. Die erste Enzyklika ist bis Ende April immer noch nicht erschienen. Ob sie, wie vermutet, von Künstlicher Intelligenz (KI) handelt, ihren Chancen und Risiken? Leo hat alle Frauen in vatikanischen Spitzenpositionen (Raffaela Petrini, Simona Brambilla, Nathalie Becquart) bestätigt und eine weitere (Tiziana Merletti) geholt.
Viele müssen sich erst daran gewöhnen, dass ein Kardinal die Nr. 2 (Ángel Fernández Artime) und eine Frau die Präfektin eines Dikasteriums (Brambilla) ist. Die Kirche verändert sich. Zu langsam, sagen viele. Ein Papst wächst ins Amt hinein. Und prägt es. Konturen und Akzente wurden im ersten Jahr sichtbar. Die große Rede, der große Text, die große Initiative fehlen noch. Unsere krisen- und kriegsgebeutelte schnelllebige Welt wartet darauf.
Andreas R. Batlogg SJ, Wien – Jesuit, Theologe und Autor